Ein Vater erzählt, wie er den Verlust seines Sohnes durchlitt
Von Renate Schauer
Manche
Schicksalsschläge sind so schwer, dass man sie erst nach
mehreren Jahren annehmen kann. Was für die Betroffenen schon
unfassbar ist, bringt auch ihre Mitmenschen in Nöte, wenn sie
nicht wissen, mit welchen Worten sie ihr Empfinden so ausdrücken,
dass es nicht noch zusätzlichen Schmerz bereitet. Fünf
Jahre vergingen, bevor Michael Scheible den Unfall-Tod seines Sohnes
Heiko als Bestandteil seines Lebens annehmen konnte. Er bezeichnet
dies als Wendepunkt seiner Trauer, die er in dem Buch „Herbstlaub
im Frühling“ beschreibt.
Heiko war
neun Jahre alt, als der 30-Tonner-Lkw nicht mehr bremsen kann. „Der
Lkw hatte 1,5 Tonnen zuviel geladen. Die Fahrzeugbremsen
funktionierten nicht einwandfrei.“ Der Auffahrunfall ereignete
sich an einer roten Ampel. Die Aufprallgeschwindigkeit betrug ca. 55
Stundenkilometer. Im nachhinein ist Michael Scheible dankbar dafür,
„dass sich vor dem Fahrzeug meiner Frau kein anderes Fahrzeug
befand und das Auto nicht auf die Licht- und Ampelmasten geschleudert
wurde. (...) In diesen Fällen hätte niemand den Unfall
überlebt. Ich glaube, ein solches Ende meiner Familie hätte
ich psychisch nicht überlebt.“
Doch
dieses Glück im Unglück wurde ihm erst viel, viel später
bewusst. Zunächst erhält er die schockierende Nachricht vom
Tod seines Erstgeborenen. Neben Heiko hatte die zwei Jahre jüngere
Tochter Sonja auf dem Rücksitz des Autos gesessen. Sie ist
schwer verletzt und ringt wochenlang ums Überleben. Die Eltern
machen Entsetzliches durch – bei der Beerdigung, am
Krankenbett. Kein Arzt kann sagen, ob Sonjas Gehirnfunktionen
wiederherstellbar sind.
In dem
Trauer-Prozess sind ähnlich Betroffene eine große Hilfe.
Wenn man gegenseitig aufeinander zugeht, lässt sich Leid teilen:
„Wir durchschritten gemeinsame Tiefen. Und haben dann auch
Höhen gewonnen, von deren Existenz wir nichts mehr wussten. Weil
sie im Nebel der Trauer versteckt gewesen sind.“ Wenn Trauernde
sich aus ihrer Isolation lösen, Berührungsängste hüben
wie drüben überwunden werden, beginnt sich das Miteinander
wieder zu normalisieren. „Trauer braucht Zeit und Worte“,
resümiert Scheible, der unweit von Nürtingen lebt und
arbeitet, und fügt an, dass die Trauer durch wiederholtes
Erzählen neue Facetten und Perspektiven bekommt.
Michael
Scheible beschreibt auch Verletzungen und wie er sich dagegen
aufbäumt. Auch wenn klar ist, dass durch die Rechtsprechung
Heikos Tod nicht rückgängig gemacht werden kann und keine
Entschädigung dem erlittenen Verlust je gerecht werden könnte
– irgendwann kommt der trauernde Vater zu der Erkenntnis: „Mein
Kind ist für die Gesellschaft nichts wert gewesen. Der Verlust
wird nur in Höhe des entstandenen ‚Schadens’
beziffert.“ – Ein anderes Kapitel sind gut gemeinte, aber
plumpe Äußerungen von lieben Mitmenschen. Krasses
Beispiel: wenn jemand darauf verweist, dass Scheibles jung seien und
noch mehr Kinder in die Welt setzen könnten. Der Autor
empfiehlt: „Man sollte trauernden Eltern nicht alles sagen, was
man denkt.“ Schon gar nicht die Allerweltsfloskel, dass Zeit
angeblich „alle Wunden heilt“. Es gibt etliche Worte, die
„tun weh, weil sie den trostlosen Zustand trauernder Eltern
nicht berücksichtigen.“ Zur Verdeutlichung erläutert
Scheible: „In der großen Trauer gibt es kein Morgen,
alles ist Heute.“
Sonja hat
sich noch ein Geschwisterchen gewünscht und auch bekommen. Nicht
als Ersatz für Heiko (die geistige Verbindung mit ihm wird
gepflegt – er „nimmt weiterhin Anteil an unserem Leben“),
sondern als Zuwachs wie in Familien ohne traurige Lücke, die ein
Verstorbener hinterlassen hat.
Mit dem
Tod einher geht in der Regel die Besinnung auf das, was zählt.
„Ich wünsche den Menschen Mut für tröstende
Worte und die Kraft, Begegnungen mit Trauernden nicht auszuweichen“,
schreibt Scheible in seinem Vorwort und formulierte seine Reflexionen
so, dass bei der Lektüre Mut und Fingerspitzengefühl
wachsen können.
Michael
Scheible. Herbstlaub im Frühling. Ein Vater trauert um sein
Kind. Friedrich Bischoff Verlag, Frankfurt, 2003, ISBN 3-935452-43-8,
9,90 Euro.