RENATE SCHAUER


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Schreibend Spannung erzeugen:
Ein Hobby, das kein Geld kostet

Krimi-Autor Bomm empfiehlt den Besuch öffentlicher Gerichtsverhandlungen

Manfred Bomm ist Redakteur auf der Schwäbischen Alb. Es war sein Jugendtraum, einmal einen Kriminalroman zu schreiben. Inzwischen ist sein Kommissar Häberle ein Markenzeichen geworden, der seine Fans weithin fesselt. Ein Typ aus echtem Schrot und Korn und damit seinem Erfinder nicht unähnlich.

Nach wie vielen Jahren als Redakteur begann die Arbeit an den Krimis?
Ich habe 2003 damit begonnen, mir einen Jugendtraum zu erfüllen und einen Kriminalroman zu schreiben. Das war immerhin 33 Jahre, nachdem ich meine Laufbahn als Journalist begonnen hatte. In all der Zeit habe ich über viele menschliche Schicksale geschrieben, war bei unzähligen Gerichtsverhandlungen als Berichterstatter dabei und habe den täglichen Polizeibericht bearbeitet. Da hat sich so viel angesammelt, was sich für Kriminalgeschichten eignet. Deshalb finden sich in meinen Krimis meist immer tatsächlich geschehene Ereignisse.

Gab es eine Initialzündung dazu?
Dass es nach vielen gescheiterten Versuchen, einen Krimi konsequent fertigzuschreiben, im Sommer 2003 endlich geklappt hat, ist letztlich der Anschaffung eines Laptops zu verdanken. Denn damit konnte ich plötzlich überall schreiben - nicht nur in der tristen Ecke meines Büros, sondern zum Beispiel draußen im Garten, unter der Pergola oder unterm Kastanienbaum. Bei einem Weizenbier oder einem Viertele.

Ist das Krimi-Schreiben ein Ausgleich zur redaktionellen Arbeit oder eine Ergänzung? Oder ist es ein zweites berufliches Standbein?
Ich sehe es eher als Ergänzung. Tagsüber ist man in die Zwänge des Redaktionsalltags gepresst, muss Termine wahrnehmen und über vieles schreiben, das einen persönlich eigentlich gar nicht interessiert. Außerdem hat man sich an die Fakten zu halten. In meinen Krimis aber bin ich Herr der Geschichte und kann geschehen lassen, was mir gefällt - vor allem aber kann ich Spannung erzeugen. Ein zweites berufliches Standbein würde ich nur für den Fall darin sehen, dass es mit dem Journalismus schief ginge. Heutzutage ist man ja in keiner Branche davor gefeit, plötzlich auf der Straße zu stehen. Aber glauben Sie ja nicht, man könnte als Krimi-Autor gut leben! Solange man keine traumhaft hohen Auflagen erzielt, wie dies meist ausländischen Autoren gelingt, die von Verlagen und der Branche gepuscht werden, ist das nichts weiter als ein Hobby, das zumindest kein Geld kostet. Übrigens habe ich durchaus noch andere Hobbys: Wandern auf der Alb oder im Gebirge, ein bisschen Sportfliegen mit dem - allerdings gecharterten - Motorflugzeug und Reisen - unter anderem per Wohnmobil.

Der Journalismus folgt gewissen Regeln und Ritualen. Gibt es Vergleichbares beim Krimi-Schreiben? Unterschiede?
Ich versuche mich ganz nah an der Realität zu orientieren. Der Leser soll hinterher sagen können: Ja, genau so hätte es sein können. Natürlich soll die Botschaft rüberkommen, dass sich ein Verbrechen niemals lohnt. Und dass es das sogenannte perfekte Verbrechen gar nicht geben kann. Inzwischen sind die kriminaltechnischen Möglichkeiten so ausgereift, dass es meiner Ansicht nach keinem Täter gelingt, im wahrsten Sinne des Wortes spurlos zu verschwinden. Der Unterschied zwischen Journalismus und Krimi-Schreiben besteht darin, dass man als Roman-Autor seine Geschichten selbst erfinden kann und dass sie stets einem spannungsgeladenen Höhepunkt entgegentreiben, was man bei der täglichen Arbeit in der Redaktion nicht behaupten kann.

Welche Figuren kehren immer wieder?
Meine Krimis drehen sich um die Ermittlungsarbeit des urschwäbischen Kriminalhauptkommissars August Häberle, ein bodenständiger Ermittler, Mitte 50, wohlbeleibt und ein Kenner von Land und Leuten. Er ist die Serienfigur, die zusammen mit dem jungen Assistenten Mike Linkohr die Fälle bearbeitet. In diesem Häberle, den es übrigens mit diesem Charakter und diesem Aussehen bei der Kriminalpolizei Göppingen tatsächlich gibt - allerdings mit anderem Namen - , steckt auch sehr viel von mir selbst. Wir beide haben dieselben Ansichten und denken genau so über Verwaltungskram, Bürokratismus und die ewigen Viel-, Dumm- und Schönschwätzer in dieser Republik wie der Häberle. Unser gemeinsamer Kernsatz lautet: "Alle wichtigsten Posten in dieser Republik sind von Schwätzern besetzt."
Wenn ich sage, der Häberle sei eine Serienfigur, dann bedeutet das aber nicht, dass man meine demnächst acht Romane der Reihe nach lesen muss, um sie zu verstehen. Jeder Roman ist eine in sich abgeschlossene Geschichte.

Was sagt der echte Kommissar dazu, dass Sie ihn als Vorbild nehmen? Haben Sie vorher sein Einverständnis eingeholt, Ihren Plan mit ihm besprochen?
Den echten Kommissar kenne ich seit Beginn meiner Laufbahn als Journalist. Und mir war klar: Wenn ich mal einen Roman schreibe, dann wird er das Vorbild des Kommissars. Er ist meiner Ansicht nach einer der fähigsten Kriminalisten überhaupt. Also keiner dieser überzeichneten Schimanski-Draufgänger. Da ich ihm einen anderen Namen gegeben habe und ihn nur als positives Beispiel eines Ermittlers darstelle, habe ich keinen Grund gesehen, ihn vorher zu fragen. Im Übrigen war er auf Anhieb von meinen Krimis begeistert - bis hin zu seiner betagten Mutter, die die Krimis auch liest und nach dem ersten gesagt hat: "Mensch, Bua, i han gar et gwisst, was du für an gfährlicha Beruf hosch."

Verarbeiten Sie bewusst Begegnungen und Begebenheiten aus Ihrer Arbeit als Gerichtsreporter in Ihren Kriminalromanen?
Ja, ganz bewusst. Denn im Gerichtssaal spielt das Leben so, wie es wirklich ist. Und manchmal erfährt man Dinge, die so unglaublich sind, dass sie einem kein Verleger abgenommen hätte. Ich kann nur jedem Bürger empfehlen, einmal eine der vielen öffentlichen Gerichtsverhandlungen aufzusuchen. Das ist kein Krimi, das ist auch kein Roman, der sich dort abspielt, sondern die Realität. Dort habe ich auch, was moderne Ermittlungsarbeit anbelangt, viele wertvolle Tipps erhalten.

Wer fesselt Sie beim Schreiben mehr: Täter oder Opfer?
Der Täter. Denn meist ist ja das Opfer in einem Krimi schnell tot. Der Täter aber will keine Spuren hinterlassen, ist aufgeregt, ängstlich und manchmal auch verzweifelt. Als Autor muss man sich in diese Situation hineindenken, mitfiebern, auch die Ängste spüren. Das kann ganz schön stressig sein - vor allem, wenn man, genau wie der Täter, all die tausend unvorhergesehenen Dinge berücksichtigt, die passieren können.

Was halten Sie von der "kriminellen Restenergie", die angeblich jeder in sich trägt?
Dass es die gibt, glaub ich schon. Doch sie muss - Gott sei Dank tut sie dies auch nicht - keinesfalls zwangsläufig zum Ausbruch kommen. Ich denke, dass viele Faktoren zusammenkommen müssen, bis dies geschieht. Glücklicherweise reagieren die meisten Menschen diese kriminelle Restenergie durchs Lesen von Kriminalromanen ab und genießen das Gruseln, das sich einen beschleicht, wenn man sich in die eine oder andere Rolle hineinversetzt. Man durchlebt und durchleidet Szenen, in die man im wirklichen Leben nie geraten möchte.

"Sex and Crime" sind auch Themen, mit denen die Massenmedien ihr Publikum anziehen. Stacheln besonders Grenzsituationen zu kritischem Denken an?
Das denke ich schon. Wenn man den Menschen Grenzsituationen vor Augen führt, werden sie manches Thema kritischer überdenken - hoffe ich jedenfalls. Diese Versuche habe ich bisher bei jedem meiner Romane unternommen. Zuletzt besonders drastisch, wie ich finde, bei "Beweislast", als es um die meiner Ansicht nach völlig schief gelaufene Sozialreform ging. Hartz IV ist das Stichwort. Daran ändern auch die jetzigen Versuche nichts, ein bisschen dran rumzudoktern. Es kann nicht angehen, dass ein 55-Jähriger, der schuldlos arbeitslos wird und ein Leben lang seine Beiträge bezahlt hat, am Schluss mit jenem gleichgestellt wird, der nie einen Cent dazu beigetragen hat. Und dass jemand mit über 45 noch einen Job findet, ist doch reine Augenwischerei der Politiker. Aber selbst die meisten Medien beten mit schöner Regelmäßigkeit nach, was die Regierung behauptet: Dass Hartz IV eine ganz tolle soziale Errungenschaft sei. Manchmal denk ich, dass viele meiner Kollegen im Happyness- und Funfieber gar nicht überblicken, was mit ihnen passiert, würden sie mit 50 auf der Straße stehen.

Brauchen wir das Gut-/Böse-Schema bzw. das Heikle und Brenzlige zwischen den Polen?
Das Gut-Böse-Schema ist leider ebenso Realität, wie das Heikle und Brenzlige. Man mag noch so sehr behaupten, wir lebten in einem vergleichsweise sicheren Land, was die Kriminalität anbelangt, so darf man nicht übersehen, dass es in unseren Städten inzwischen auch viele "dunkle Ecken" gibt. Ich warne davor, das Kriminelle, sprich: Das Böse, zu bagatellisieren oder zu verharmlosen. Wenn sich das Gute nicht gegen das Böse wehrt - und zwar mit aller Macht, dann wird sich eines Tages auf dem Planeten wieder überall Mord und Totschlag breitmachen. Wohin zu viel Liberalität im Umgang mit kriminellen Strömungen führt, wird Ihnen jeder Streifenpolizist sagen können: Die Übeltäter lachen sich ins Fäustchen, weil sie wissen, dass ihnen nicht viel droht - und dass die Polizei inzwischen zu einem zahnlosen Tiger gemacht worden ist. Aber die Politiker verschließen davor die Augen.

Hat jemand kritisiert, dass sich die Morde in "Schattennetz" in einer Kirche ereigneten?
Nein. Nicht mal die Dekanin, die es mit anderem Namen tatsächlich gibt. Ganz im Gegenteil. Bei der jüngsten evangelischen Kirchengemeinderatswahl hat mich der Stadtpfarrer sogar gebeten, nachmittags im Kirchturm meinen Krimi vorzustellen - sozusagen als zusätzlichen Event, um mehr Leute ins Wahllokal zu locken. Es herrschte dann auch tatsächlich drangvolle Enge im Stockwerk unter der Glockenstube.

"Schattennetz" erinnerte uns daran, dass die DDR zwar nicht mehr existiert, aber als Vergangenheit weiter wirkt. Womit befasst sich sein Nachfolger "Notbremse"?
Es geht um die Gesundheitsreform und um die Pharma-Industrie - aber auch um Doping vor dem Hintergrund der olympischen Spiele in Peking. Es beginnt damit, dass es in einem ICE auf der Geislinger Steige zu einem dramatischen Zwischenfall kommt und jemand die Notbremse zieht - deshalb auch der Titel "Notbremse."

Spielen alle Krimis in Geislingen?
Kein einziger Krimi spielt nur in Geislingen. So nehmen zwar alle im Kreis Göppingen ihren Anfang, doch dann stellt sich sehr schnell heraus, dass im Zeitalter der Globalisierung auch ein Verbrechen in der Provinz in die weite Welt hinaus reicht. Bei "Schattennetz" spielten angesichts der Stasi-Thematik natürlich Bautzen und Berlin eine Rolle - in "Notbremse" ist es die Olympiade in Peking, aber auch ein See bei Kiefersfelden. Und bei "Schusslinie", als der ehemalige Fußballbundestrainer Jürgen Klinsmann eine Rolle spielte (er hat schließlich in Geislingen das Fußballspielen gelernt), da ging's auch mal nach Südfrankreich. Bei "Trugschluss" hat Kommissar Häberle ein bisschen illegal im Tessin ermittelt.

Lesen die Geislinger die Krimis mit einem anderen Genuss als die Dresdner oder Ulmer?
Ja, natürlich. Die Menschen im Kreis Göppingen können die hier geschilderten Tatorte aufsuchen und überlegen, welche real existierenden Personen hinter der einen oder anderen Figur stecken könnten. Für die hiesigen Leser ist dies ein zusätzlicher Anreiz, keine Frage. Aber das ist doch bei jedem Krimi so. Wenn die Geschichte in Rom oder Stockholm spielt, werden die dortigen Bewohner den Roman ja auch mit ganz anderen Augen lesen. Weil jeder Krimi einen Tatort und einen Schauplatz braucht, ist jeder für sich ein Regionalkrimi. Insofern verstehe ich nicht, weshalb häufig deutsche Krimis mit dem Zusatz "Regional" versehen und damit wohl schon in die Ecke zweitklassiger "Folklore"-Literatur gestellt werden. Aber möglicherweise spielen da ganz andere Interessen eine Rolle. Jedenfalls ist es für mich ein Rätsel, warum viele Buchhandlungen nur Krimis aus dem englischsprachigen Raum empfehlen und den vielen einheimischen Autoren keine Chance geben. Allerdings haben inzwischen einige Verlage, die noch bis vor kurzem kein Manuskript eines deutschen Krimi-Autors angenommen hätten, die Marktlücke offenbar entdeckt. Kunst ist ja nicht, was die breite Bevölkerung dafür auserkoren hat - sondern was man ihr als solches vorsetzt und schmackhaft macht.

Warum geraten die Krimis so umfangreich?
Mein Verleger hätt's in der Tat manchmal ein bisschen kürzer. 515 Seiten war bisher mein Rekord. Eigentlich will ich das gar nicht. Aber die Geschichten entwickeln sich während des Schreibens. Wenn ich gut drauf bin, dann läuft das vor meinem inneren Auge wie ein Film ab. So komisch es klingt: Aber an solchen Tagen komm ich dann nicht mehr vom Computer weg, weil ich denke, die Geschichte laufe mir davon. Das ist natürlich Unsinn. Denn ich allein bestimme ja, was wann und wie geschieht. Aber daran sieht man, wie sehr ich mit der Geschichte lebe.

Sie haben auch Texte für das Kaos-Duo geschrieben …
Das Kaos Duo ist inzwischen kein Duo mehr, sie sind nun zu dritt. Es ist eine schwäbische Musikgruppe, die sich mit Liedern auf die komischen Situationen des Alltags weithin einen Namen gemacht und schon einige Fernsehauftritte absolviert hat. Mit dem Leiter und Komponisten Hans-Ulrich Pohl bin ich schon seit Langem befreundet. Und weil ich einstens auch Büttenredner war, hab ich ihm mal ein paar Texte für Lieder geschrieben. Das hat sich dann ziemlich erfolgreich entwickelt - immer mehr Lieder kommen hinzu, wir verewigen sie immer wieder mal auf CD's. Ich sollte nur mehr Zeit dafür haben.

Gibt es noch weitere Veröffentlichungen?
Das gibt es, nämlich zwei Wanderführer für den Bereich Göppingen-Ulm. Damit verbinde ich das Hobby des Wanderns mit der Schriftstellerei. Weil ich mich oftmals über schlecht beschriebene Wanderrouten in Hochglanzbüchern ärgere, habe ich eines Tages damit begonnen, die eigenen Strecken zu schildern - und zwar haargenau, nämlich mit dem Diktiergerät in der Hand. Wenn ich am Wochenende mit meiner Partnerin in Wald und Flur unterwegs bin, entstehen auf diese Weise immer neue Wandervorschläge. Und ich versichere: Wer meinen Anweisungen folgt, wird die Wege finden.

Vielen Dank für das Gespräch!

2008